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Auf der Via Domitia, der ersten Römerstraße, die in Gallien gebaut wurde, radeln wir gen Süden.

Die Via Domitia verband einst Italien mit Spanien auf dem Landweg: Sie überquert die Alpen am Col de Montgenèvre (1.854 m), folgt dem wilden Tal der Durance, überquert die Rhone bei Beaucaire und läuft schließlich an der Küste des Mittelmeeres bis zu den Pyrenäen.

Wir sind wieder am Leben und rollen! Und wie: Vom italienischen Susatal über den Col de Montgenèvre (1.854 m) in die französische Region Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Auf dass die Scheibenbremsen glühen!

Das ist uns auch noch nirgends passiert: Von der Straße weg werden wir in Italien zum Übernachten in die Schlafzimmer vollkommen fremder Menschen gezerrt.

Ein Beispiel?

In Cima starrte Unai so lange auf die Gebäckstange neben uns, dass er schließlich nicht nur eine erhielt. Wir fanden uns auch bald alle in der Küche einer Großfamilie wieder.

Natürlich gab es Pasta, und im Anschluss fuhren wir für einen Digestif auf die Piazza – zu acht im Fiat Panda!

Der Höhepunkt war die Nacht, denn tatsächlich teilten wir mit unseren Gastgebern das Schlafzimmer: 6 Leute, 4 m², 1 Ventilator.

Knödel- und appetitlos folgen wir den Trentiner Alpen nach Westen. Wechseln Windeln, trinken Kaffee, erreichen nach vier Tagen den Comer See.

Mit 410 m ist er der tiefste See Europas – und der erste einer ganzen Kette eiszeitlicher Becken, die sich aus den Alpen kommend mit schmalen Armen ins Flachland strecken.

Nur einen Steinwurf entfernt liegt der verwinkelte Luganer See im Schweizer Kanton Tessin. Und am darauffolgenden Morgen schwimmen wir bereits im Lago Maggiore, dem zweitgrößten See Italiens.

Mit einer Träne im Knopfloch verlassen wir Südtirol und bald auch den deutschen Sprachraum. Wir zwängen uns in die Mendelbahn und überwinden – unglaublich! – in 12 Minuten 854 Höhenmeter.

Die Bahn wurde am 19. Oktober 1903 in Betrieb genommen und war die erste elektrisch betriebene Seilbahn Österreichs, die steilste Standseilbahn auf dem europäischen Festland und die längste Seilbahn der Welt. Zu ihrer Eröffnung war sie ein technisches Wunderwerk und zog Gäste aus der ganzen Welt in ihren Bann: Kaiserin Sissi, Mahatma Gandhi sowie drei Päpste sind schon mit ihr gefahren.

Oben angekommen stehen wir in Italien und vor uns liegt ein Leben ohne Knödel.

Als Jenni schwanger wurde, brauchten wir dringend ein Dach über dem Kopf. Um die Suche zu erleichtern, beschränkten wir sie auf drei Kontinente: Südamerika, Asien, Europa.

Argentinien ist korrupt, Nepal assimiliert nicht. Blieb Europa.

Skandinavien ist zu teuer, Spanien bankrott, die Schweiz unbezahlbar. Blieb Deutschland.

Während wir das Internet durchkämmten, entwarf mein Vater Karten. Zuerst die Lage aller deutschen Kernkraftwerke samt Evakuierungsradius von 50 Kilometern. Als nächstes: Giftmülldeponien und atomare Endlager, die Befallsgebiete des Eichenprozessionsspinners, Pegida.

Um es kurz zu machen: Wir landeten an der Ostsee. Unglaublich, doch nun empirisch belegt: Mecklenburg ist der einzige bewohnbare Fleck auf dem Planeten – und zufällig auch nur eine halbe Stunde vom Haus meiner Eltern entfernt.

Natürlich hatten wir nicht genug Geld, aber davon erzähle ich morgen.

Es gibt Situationen im Leben, da ist es dem Partner schwer zu vermitteln, dass das, was man gerade tut, schön ist.

Einer dieser kostbaren Momente, in denen sich der Schmerz in den Beinen, das Eis im Gesicht und die Schönheit vor Augen einander die Waage halten. In denen man die Verletzlichkeit spürt, der man auf dem Fahrrad ausgesetzt ist. Einer dieser Momente, in denen Jenni verfluchte, mit mir auf Reisen gegangen zu sein, und ich rufen möchte: „Nicht das richtige Rad muss man haben, sondern die richtige Einstellung!“

Dies ist so ein Moment.

Der Unterschied war: Ich wusste, warum wir uns das antun. Jenni nicht. Die Antwort ist „Peter“. In zwei Tagen werden wir bei ihm sein.

Wir trampen. Jenni hatte die Schnauze voll. Die Hitze, das Bier, das endlose Auf und Ab.

Ein bisschen naiv waren wir vielleicht. Aber wir kannten ja nur den Elberadweg! Äußerst angenehm und ohne Anstrengungen zu befahren, immer geradeaus, immer schick den Flusslauf lang. Warum sollte der Moldauradweg anders sein? Und wer hat ihm diesen bekloppten Namen gegeben?

Die Moldau hat sich südlich von Prag ein tiefes Bett gegraben und Radwege, die sie begleiten, gibt es praktisch gar nicht. Es geht munter auf und ab, durch Hügellandschaften und über Bergkämme. Die einzelnen Steigungen sind nie groß, in der Summe aber anstrengend. Und auch unbefestigte Abschnitte, die schiebend bewältigt werden müssen, kommen vor. Eine gute Fitness und ein unterstützender Herzschrittmacher sind unbedingt erforderlich!

Hatten wir beides nicht.

Wir kommen nur noch langsam voran. Das liegt an drei Dingen. Erstens: Jenni, die noch stillt, hat praktisch seit zwei Jahren keinen Alkohol mehr zu sich genommen. Zweitens: In Tschechien trinkt man nicht zum Essen, sondern isst zum Trinken. Drittens: Das Bier wird in traditionellen Kneipen so lange unaufgefordert auf den Tisch gestellt, bis man zahlt oder umfällt. Und wir haben nur wenig Geld.

Gestern besprach ich das tschechische Bier. Man sagt, es gehört zu den besten der Welt. Man sagt auch: Wer es nicht probiert hat, der war nicht in Böhmen. Und von Glück kann man sagen, dass gerade eine der größten Hitzewellen der Geschichte über Böhmen liegt. Sie hilft uns, tief in die Sitten und Gebräuche des Landes einzutauchen.

Es gibt Reisen, da meint man, in die Fremde aufzubrechen, und trifft doch nur Altbekanntes. Und es gibt andere, da bricht man auf, ohne zu wissen, was einen erwartet, und alles, was übrig bleibt, ist Staunen – Tschechien ist so ein Land.

Das Elbsandsteingebirge und die Böhmische Schweiz begleiten die Elbe in weiten Schwüngen bis kurz vor Děčín. In Ústí passieren wir die größte Staustufe, dann folgen wir dem Flusstal durch die Böhmische Pforte nach Litoměřice und Mělník – in eine Welt der Gegensätze.

Weiter geht’s auf dem Elberadweg nach Pirna. Ist alles wie vorher? Nicht wirklich. Uns fehlt das sanfte Schaukeln des Elbkahns, das stille Vorübergleiten der Landschaft – und das tschechische Bier zum Frühstück. Ich glaube, ich habe mich verliebt. In die Elbe, in Deutschland und das Reisen auf See.

Hatten wir auf der Jungfernfahrt noch bescheidene 19 Kilometer zurückgelegt, konnten wir uns bereits am zweiten Reisetag steigern!

21.

Am dritten Tag schaffen wir 39 Kilometer und am vierten 57.

Dabei kriegen wir einen ersten Einblick in die unbekannte Welt möglicher Malheure: Bei der Fahrt über Kopfsteinpflaster, beispielsweise, können sich Kinder auf die Lippen beißen und schier verbluten. Sie können spurlos verschwinden in einem der vielen Mecklenburger Getreidefelder. Und natürlich bekommen sie in den unpassendsten Momenten Lust auf Muttermilch.

Und wohin? Nach Pamplona. Wir, das sind Jenni, Unai, Beltza und ich. Jenni ist meine Freundin, Unai unser Sohn, und von Beltza erzähle ich morgen.

Grober Kurs: Baskenland. Jennis Verwandten möchten Unai gern einmal sehen.

Kein Problem, wir kommen!

Elbe und Moldau hinauf in den Böhmerwald, durch Salzkammergut, Hohe Tauern und Dolomiten, entlang der Oberitalienischen Seen, durch Piemont und Provence, über die Cevennen und die Pyrenäen – ein Klacks!

 

Y adónde? Hasta Pamplona. Nosotros, somos André, Unai, Betza y yo. André es mi pareja, Unai  nuestro maravilloso hijo, y de Beltza os cuento mañana.

En grandes líneas: Mi familia tiene ganas de ver a Unai y de compartir tiempo con nosotros.

Pues bien. Allá vamos!

Los ríos Elba y Moldava hasta el bosque de Bohemia, cruzando el Salzkammergut, el Hohe Tauern y las Dolomitas, bordeando los lagos italianos, El Piamonte, La Provenza, Las Cevenas y Los Pirineos. Esto es pan comido!

Madre mía, quién me mandaría a mí?