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Ist die Elbe auf deutscher Seite entzückend, so wird sie hier zum Amazonas, an dessen Ufern Störche, Biber und Adler ihr Revier gefunden haben. Man könnte getrost Fotos aus dem Okavango-Delta zeigen, so schwül sind die Tage, so idyllisch die Abende, so reich scheint uns die Natur – ragten nicht qualmende Schlote aus den Elbauen. Und damit sind wir bei den Gegensätzen.

Ein Viertel Jahrhundert ist es her, da brach der Sozialismus zusammen, und nicht überall ist es so glatt gegangen wie in Ostdeutschland. Sein Erbe ist auf Schritt und Tritt zu spüren: in Dörfern und Städten, in den Gesichtern der Menschen und auf dem Teller im Restaurant. Die Schlaglöcher werden größer und die Unterkünfte rauer, Ruinen wechseln mit Renaissancepalästen.

Tschechien – das ist rausgeputztes UNESCO-Welterbe und piefigster Osten in enger Umarmung.

Weiter geht’s auf dem Elberadweg nach Pirna. Ist alles wie vorher? Nicht wirklich. Uns fehlt das sanfte Schaukeln des Elbkahns, das stille Vorübergleiten der Landschaft – und das tschechische Bier zum Frühstück. Ich glaube, ich habe mich verliebt. In die Elbe, in Deutschland und das Reisen auf See.

Während ich hier sitze und die Beine über die Reling baumeln, muss ich an Mark Twain denken. Was hatte er damals geschrieben?

„In zwanzig Jahren von heute wirst du eher von den Dingen enttäuscht sein, die du nicht getan hast, als von denen, die du getan hast. Hole den Anker ein und segle hinaus aus dem sicheren Hafen. Erforsche, träume, entdecke.“

Anker eingeholt, Mr. Twain!

Veranwortlich für den kleinen Schlenker des 150 m langen Elbkahns war übrigens Ludêk. Er lebt praktisch auf der Brücke – von Joghurt und Bier.

Joghurt, weil er gesund ist.

Bier, weil es genug Kalorien besitzt, um die Brücke nicht für Essen verlassen zu müssen.

18 Stunden pro Tag, von Sonnenauf- bis untergang, hält er zusammen mit Steuermann Thomas den Kurs. Einer lenkt, der andere leistet Gesellschaft: brüht Kaffee, dreht Zigaretten, verfolgt das Sonar. Erst mitternachts drosseln sie die Maschine, suchen eine geschützte Stelle und begießen den Tag.

Die Elbe ist nicht nur einer der 100 längsten Flüsse der Welt, sie ist auch einer der wenigen noch verbliebenen naturbelassenen Flüsse Europas.

1997 wurde diese Flusslandschaft aus Überschwemmungsflächen, Auenwäldern, Binnendünen und Altarmen von der UNESCO als Biosphärenreservat der Menscheit ausgewiesen. Und da die Natur keine Grenzen kennt, zieht sich das Schutzgebiet über 5 Bundesländer, von Schleswig-Holstein durch Niedersachsen, Mecklenburg und Brandenburg bis nach Sachsen-Anhalt.

Genau unsere Route!

Unsere Kabine ist nicht groß, vielleicht 5 Quadratmeter, aber wir haben unser eigenes Reich. Hier mitzufahren, so spüren wir schnell, ist ein Ding der Unmöglichkeit, zumal mit einem Baby. Doch Unai ist ein Sonntagskind, und ich war es auch, und schippern wir auf Slivovitz und tschechischem Bier die Elbe stromaufwärts nach Sachsen. Über einen der 100 längsten Flüsse der Welt, umrahmt von den größten zusammenhängenden Auenwäldern Mitteleuropas.

Am fünften Tag erreichen wir Wittenberge. Die Handelskontore und backsteinernen Kirchen der Stadt liegen am Ufer der Elbe im warmen Licht der Abendsonne. Boote schaukeln auf dem Wasser und die Grashalme im Wind. Ein paar Fischer hängen ihre Angeln in die seichte Strömung des größten ostdeutschen Flusses.

Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Dämmerung mit zwei schwerbepackten Rädern und einem Baby im Arm auf der Wittenberger Autobahnbrücke stehen und den Containerschiffen zuwinken, dass eines anhält.

Kein Scheiß. Wir beobachten eine leichte Kursänderung, hören ein Horn, und eine halbe Stunde später hieven drei Tschechen unsere übergewichtigen Räder an Bord.