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Auf der Via Domitia, der ersten Römerstraße, die in Gallien gebaut wurde, radeln wir gen Süden.

Die Via Domitia verband einst Italien mit Spanien auf dem Landweg: Sie überquert die Alpen am Col de Montgenèvre (1.854 m), folgt dem wilden Tal der Durance, überquert die Rhone bei Beaucaire und läuft schließlich an der Küste des Mittelmeeres bis zu den Pyrenäen.

Wir sind wieder am Leben und rollen! Und wie: Vom italienischen Susatal über den Col de Montgenèvre (1.854 m) in die französische Region Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Auf dass die Scheibenbremsen glühen!

Mit einer Träne im Knopfloch verlassen wir Südtirol und bald auch den deutschen Sprachraum. Wir zwängen uns in die Mendelbahn und überwinden – unglaublich! – in 12 Minuten 854 Höhenmeter.

Die Bahn wurde am 19. Oktober 1903 in Betrieb genommen und war die erste elektrisch betriebene Seilbahn Österreichs, die steilste Standseilbahn auf dem europäischen Festland und die längste Seilbahn der Welt. Zu ihrer Eröffnung war sie ein technisches Wunderwerk und zog Gäste aus der ganzen Welt in ihren Bann: Kaiserin Sissi, Mahatma Gandhi sowie drei Päpste sind schon mit ihr gefahren.

Oben angekommen stehen wir in Italien und vor uns liegt ein Leben ohne Knödel.

Endlich sind wir in Südtirol, dem Land des Weines und des Specks und des ersten vernünftigen Espressos auf dem Weg nach Süden.

Südtirol ist ein Paradies, in dem sich Nord und Süd die Hand reichen – Lärchen und Palmen, Äpfel und Trauben, Knödel und Pasta. Alpine Bodenständigkeit trifft auf italienisches Dolce Vita, deutsche Regenkleidung auf südländischen Fahrspaß.

Und: Es gibt in Südtirol die schönsten Radwege!

Einer von ihnen führt durch das Pustertal. Er beginnt an der italienisch-österreichischen Grenze, in 1.200 m Höhe, und endet in Bozen, tausend Höhenmeter tiefer. Dazwischen liegen 100 herrliche Kilometer Abfahrt auf perfekt ausgebauten Pisten, durch Wälder und über Almwiesen, und vor allem haben wir die Dolomiten immer im Blick!

Es gibt Situationen im Leben, da ist es dem Partner schwer zu vermitteln, dass das, was man gerade tut, schön ist.

Einer dieser kostbaren Momente, in denen sich der Schmerz in den Beinen, das Eis im Gesicht und die Schönheit vor Augen einander die Waage halten. In denen man die Verletzlichkeit spürt, der man auf dem Fahrrad ausgesetzt ist. Einer dieser Momente, in denen Jenni verfluchte, mit mir auf Reisen gegangen zu sein, und ich rufen möchte: „Nicht das richtige Rad muss man haben, sondern die richtige Einstellung!“

Dies ist so ein Moment.

Der Unterschied war: Ich wusste, warum wir uns das antun. Jenni nicht. Die Antwort ist „Peter“. In zwei Tagen werden wir bei ihm sein.

Wie ist das, wenn du dich mit einem Lastenfahrrad durch die Berge quälst? Wenn du dem Wetter ausgesetzt bist, der Wind dich ärgert und dir der Regen ins Gesicht schlägt?

Dann wirst Du ganz klein. Dann wirst Du ein Punkt in der Landschaft, die sich unmittelbar vor Dir öffnet und hinter Dir schließt. Sie umgibt Dich wie ein Meer und hüllt Dich vollkommen ein. Und in dieser Blase bist Du nur mit Dir beschäftigt: mit dem Zittern deiner Beine, dem Schweiß, dem Wogen des Blutes.

Doch wir rollen – langsam, stetig – durch Hochnebel und Platzregen. Unai fühlt sich pudelwohl in seiner Kiste, und so machen wir weiter – bis zu einem Verschlag am Nordhang der Hohen Tauern.

Wir trampen. Jenni hatte die Schnauze voll. Die Hitze, das Bier, das endlose Auf und Ab.

Ein bisschen naiv waren wir vielleicht. Aber wir kannten ja nur den Elberadweg! Äußerst angenehm und ohne Anstrengungen zu befahren, immer geradeaus, immer schick den Flusslauf lang. Warum sollte der Moldauradweg anders sein? Und wer hat ihm diesen bekloppten Namen gegeben?

Die Moldau hat sich südlich von Prag ein tiefes Bett gegraben und Radwege, die sie begleiten, gibt es praktisch gar nicht. Es geht munter auf und ab, durch Hügellandschaften und über Bergkämme. Die einzelnen Steigungen sind nie groß, in der Summe aber anstrengend. Und auch unbefestigte Abschnitte, die schiebend bewältigt werden müssen, kommen vor. Eine gute Fitness und ein unterstützender Herzschrittmacher sind unbedingt erforderlich!

Hatten wir beides nicht.

Die vergangenen drei Tage waren wir zu Besuch bei Freunden in Pirna. Räderdurchchecken, Seelebaumelnlassen – und Einschwingen auf unser zweites Land. Denn heute schlafen wir ein letztes Mal in Deutschland, unter einer großen Kastanie in Bad Schandau.

Weiter geht’s auf dem Elberadweg nach Pirna. Ist alles wie vorher? Nicht wirklich. Uns fehlt das sanfte Schaukeln des Elbkahns, das stille Vorübergleiten der Landschaft – und das tschechische Bier zum Frühstück. Ich glaube, ich habe mich verliebt. In die Elbe, in Deutschland und das Reisen auf See.

10.00 Uhr: Wir verlassen Bäbelin für eine Probefahrt.

10.52 Uhr: Ankunft in Neukloster.

11.47 Uhr: Was alles reinpasst, in so ein Lastenfahrrad! 4 Bierbüchsen, 2 Milchkartons, 8 Äpfel, 1 Trinkflasche, diverse Spielzeugautos, Kekse und Windeln, 1 Fahrradschloss, Werkzeug und Ersatzschläuche (versteckt unter dem Sitz) – und ein Baguette für die Mama

12.28 Uhr: Bei Teplitz in den Straßengraben gefallen. Die Pumpe hatte sich in meinem Hosenbein verfangen.

In der Hamburger Fahrradmanufaktur Velo 54 bekommt unser Douze den letzten Schliff. Was für ein Rad! Am 12.12.2012 kam es mit einem Paukenschlag auf den Markt, und sein Erscheinungsdatum wurde namensgebend für den französischen Hersteller Douze Cycles (Douze = 12).

Das Besondere am Douze ist seine modulare Bauweise. Es ist mit einem stabilen Stahlrahmen am Heck sowie einer Alufront ausgestattet und kann in der Mitte per Schnellverschluss auseinandergebaut werden. Das Rad ist also teilbar und lässt sich für den Transport einfach zerlegen! Auch sonst steckt das Douze voller raffinierter Details: Eine Seilzug-Lenkung sorgt für agiles, spielfreies und sehr direktes Lenkverhalten. Dazu gibt es standardmäßig hydraulische Scheibenbremsen und als Antrieb – Rohloff sei Dank – eine Speedhub 500/14 Getriebenabe.

Das also ist nun unser Zuhause – Sportrad und Kinderwagen in einem – für die kommenden sechs Monate! Morgen wird’s ernst: Satteltaschen dran, Packsäcke, Trinkflaschen. Und dann bleibt nur eine Frage: Kann ich das Ding noch bewegen?