Es hat uns erwischt: In Santhià bekam Unai hohes Fieber, wir blieben einen Tag länger.

Als alles überstanden schien, übergab sich Jenni auf dem Weg nach Turin, wo ich – ganz die Ruhe und als weltbereister Abenteurer durch nichts zu erschüttern – alle umsorgte. Doch nun hänge auch ich über der Schüssel.

Und so liegen wir – dreisam uns erbrechend – im Doppelbett eines billigen Turiner Hotels.

Unai hat entschieden, von nun an zu wandern!

Ist es ein Zufall, dass wir uns gerade in Santhià aufhalten? Seit mehr als tausend Jahren pilgern die Menschen auf der Via Francigena von Canterbury nach Rom, und nun bittet man ausgerechnet uns, der Stadt die Ehre einer Übernachtung in ihrer Pilgerherberge zu erweisen.

Unai, so sagt man, sei der jüngste Pilger, dessen Santhià je ansichtig wurde: venti mesi.

Heute mal wieder ein Highlight: Wir übernachten in einer Gärtnerei!

Zunächst entdeckten wir die wohlschmeckenden Tomaten, dann Äpfel, Himbeeren und schließlich einen Wasserschlauch. Was soll ich sagen, es folgte eine der besten Duschen der Reise! Wir zogen uns alle splitterfasernackt aus und sprangen tropfnass durch den Baumarkt.

Erst ganz am Schluss entdeckten wir auch die vielen Überwachungskameras.

Schon in der Antike wurden die Oberitalienischen Seen besungen. Heute scheiden sich an ihnen die Geister. Für die einen sind sie schlicht das Paradies, für die anderen ist ihr Name gleichbedeutend mit totalem Tourismus.

Kardinäle und gekrönte Häupter machten einst den Anfang, ihnen folgten Industrielle, Politiker, Schriftsteller und Künstler. Heute residieren Geldadel, Sportgrößen und Hollywood-Stars in den opulenten Villen und Palästen.

Eine Ausnahme bildet der Ortasee, versteckt hinter hohen Hügelketten westlich des Lago Maggiore. Der Hauptort, San Giulio, ist ein kleines Juwel, und geht man durch seine verwinkelten Gassen, erlebt man gar ein Stück weit echtes Italien.

Das ist uns auch noch nirgends passiert: Von der Straße weg werden wir in Italien zum Übernachten in die Schlafzimmer vollkommen fremder Menschen gezerrt.

Ein Beispiel?

In Cima starrte Unai so lange auf die Gebäckstange neben uns, dass er schließlich nicht nur eine erhielt. Wir fanden uns auch bald alle in der Küche einer Großfamilie wieder.

Natürlich gab es Pasta, und im Anschluss fuhren wir für einen Digestif auf die Piazza – zu acht im Fiat Panda!

Der Höhepunkt war die Nacht, denn tatsächlich teilten wir mit unseren Gastgebern das Schlafzimmer: 6 Leute, 4 m², 1 Ventilator.

Knödel- und appetitlos folgen wir den Trentiner Alpen nach Westen. Wechseln Windeln, trinken Kaffee, erreichen nach vier Tagen den Comer See.

Mit 410 m ist er der tiefste See Europas – und der erste einer ganzen Kette eiszeitlicher Becken, die sich aus den Alpen kommend mit schmalen Armen ins Flachland strecken.

Nur einen Steinwurf entfernt liegt der verwinkelte Luganer See im Schweizer Kanton Tessin. Und am darauffolgenden Morgen schwimmen wir bereits im Lago Maggiore, dem zweitgrößten See Italiens.

Bei unserem Aufstieg auf den Passo del Tonale, immerhin 1.884 m hoch, greifen uns ein paar Busfahrer unter die Arme.

Das wirklich Schöne war folgendes: Der Bus, der uns mitnehmen sollte, hatte einen zu kleinen Kofferraum. Wir haben es lange versucht: Das Lastenfahrrad passte einfach nicht rein.

Doch dann blühten die Fahrer auf: Bus Nummer 7 (mit dem zu kleinen Kofferraum) wurde zu Bus Nummer 12 und begab sich auf den Weg nach Trient. Die echte Nummer 12 aber, ausgelegt für Fahrten in die Hauptstadt, große Menschenmassen und viel Gepäck, brachte uns nach Vermiglio, ein kleines Dorf 600 Höhenmeter unterhalb des Passes.

Mit einer Träne im Knopfloch verlassen wir Südtirol und bald auch den deutschen Sprachraum. Wir zwängen uns in die Mendelbahn und überwinden – unglaublich! – in 12 Minuten 854 Höhenmeter.

Die Bahn wurde am 19. Oktober 1903 in Betrieb genommen und war die erste elektrisch betriebene Seilbahn Österreichs, die steilste Standseilbahn auf dem europäischen Festland und die längste Seilbahn der Welt. Zu ihrer Eröffnung war sie ein technisches Wunderwerk und zog Gäste aus der ganzen Welt in ihren Bann: Kaiserin Sissi, Mahatma Gandhi sowie drei Päpste sind schon mit ihr gefahren.

Oben angekommen stehen wir in Italien und vor uns liegt ein Leben ohne Knödel.

Alles ist hier sonnig und malerisch und voller Geschichte, und als wir schon dachten, es könne schöner nicht werden, da erhielten wir eine Einladung in das Seehotel Ambach, jenen Ort also, der beides auf das Angenehmste verbindet: den Genuss am Wein und den an der Baukunst.

1973 wurde es von dem Südtiroler Architekten Othmar Barth entworfen und steht noch heute so elegant wie damals als weißes Segel aus expressiv geformtem Beton am Ufer des Kalterer Sees. Selbst im Innenraum ist alles noch beim Alten, in genau dem Zustand, den der Architekt für das Haus erdacht hatte. Bis dato der architektonische Höhepunkt der Reise!

Unser Aufenthalt beginnt mit einer hemmungslosen Dusche und kulminiert in einem Sternedinner. 8 Gänge, volle Kanne, dazu ein Ausflug durch die besten Weine der Region. 200 Euro der Spaß – wie gesagt, wir waren eingeladen. Nach dem Hors d’œuvre bestand Unai auf seine Reiswaffeln!

Südlich von Bozen weitet sich das Tal, und vor uns liegt das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Europas. Jeder zehnte Apfel, den wir Deutschen zu uns nehmen, stammt von hier.

An den Hängen der angrenzenden Gebirge wird seit alters her Weinbau betrieben. In Dörfen wie Eppan, Tramin und Kaltern gedeihen einige der besten und bekanntesten Trauben des Landes: Traminer, Vernatsch und Lagrein.

Alles ist hier sonnig und malerisch und voller Geschichte, und als wir schon dachten, es könne schöner nicht werden …

Man kann ihnen ja kaum widerstehen! Vor Äonen sind die Dolomiten dem Tethysmeer entstiegen und in Jahrmillionen zum laut Le Corbusier „schönsten Bauwerk der Welt“ verwittert. 2009 hat die UNESCO sie zum Weltnaturerbe erklärt: die riesige Karstfläche der Fanes-Gruppe, die schroffen Felstürme des Dürrenstein und das Kalkhochplateau des Schlern.

Während Jenni und Unai den kulinarischen Genüssen Brixens fröhnen, bin ich ein paar Tage in den bleichen Bergen unterwegs: hier auf der 3.055 m hohen Lavarela im Naturpark Fanes-Sennes-Prags.

Wir haben die 1.000-Kilometer-Marke geknackt und übernachten heute feierlich und angemessen in den Kreuzgängen des Klosters von San Candido. Olé!

Endlich sind wir in Südtirol, dem Land des Weines und des Specks und des ersten vernünftigen Espressos auf dem Weg nach Süden.

Südtirol ist ein Paradies, in dem sich Nord und Süd die Hand reichen – Lärchen und Palmen, Äpfel und Trauben, Knödel und Pasta. Alpine Bodenständigkeit trifft auf italienisches Dolce Vita, deutsche Regenkleidung auf südländischen Fahrspaß.

Und: Es gibt in Südtirol die schönsten Radwege!

Einer von ihnen führt durch das Pustertal. Er beginnt an der italienisch-österreichischen Grenze, in 1.200 m Höhe, und endet in Bozen, tausend Höhenmeter tiefer. Dazwischen liegen 100 herrliche Kilometer Abfahrt auf perfekt ausgebauten Pisten, durch Wälder und über Almwiesen, und vor allem haben wir die Dolomiten immer im Blick!