Wir wussten uns keinen besseren Rat, als im Internet von unserem Traum zu berichten – und sie kamen, von überall her.

Antoine schrieb aus Frankreich: Er habe ein dreimonatiges Baustellen-Praktikum zu absolvieren.

Susi war mit ihrem Sohn auf der Flucht vor den Zwängen des deutschen Bildungssystems.

Und Rafa kam geradewegs vom Camino de Santiago: Er könne jetzt unmöglich zurück in die Großstadt – und blieb den ganzen Sommer bei uns. Andere machten einen Ausflug mit der Familie oder für ein paar Tage Halt auf ihrer Reise um die Welt.

Der Deal war immer der gleiche: Wir stellen Kost und Logis, die Besucher packen ein paar Stunden pro Tag mit an. Holz hacken, Rasen mähen, Dächer decken, Malern, Mauern, Gärtnern – alles war möglich.

Der erste Monat ging gut – doch dann kamen immer mehr! Brachten Freunde, blieben länger als erwartet. Bald stellten wir zwei Leute ab, die nichts anderes taten als Kochen, und als der Hochsommer kam, führte kein Weg mehr herum: Wir mussten einen eigenen Zeltplatz anlegen.

Natürlich hatten wir nicht genug Geld, nur Ziegelsteine. Das Stück verkauften wir für symbolische 200 Euro. Im Tausch gab’s ein Urlaubswochenende für die ganze Familie auf unserem zukünftigen Bauernhof – samt Barbecue (ebenfalls zukünftig) unter den Sternen.

Die Idee ging auf, und im Spätsommer 2014 bezogen wir den „Kunterbunthof“ – ein Ort, so wünschten wir es uns, für liebe Menschen aus aller Welt.

Und die brauchten wir auch, denn wir wussten gar nicht, wo wir anfangen sollten. Von einem Tag auf den anderen hatten wir eine riesige Ranch mit Wald und Wiesen und einem halben Dutzend Häusern und Schuppen darauf, und alles gedieh und zerfiel vor unseren Augen.

Als Jenni schwanger wurde, brauchten wir dringend ein Dach über dem Kopf. Um die Suche zu erleichtern, beschränkten wir sie auf drei Kontinente: Südamerika, Asien, Europa.

Argentinien ist korrupt, Nepal assimiliert nicht. Blieb Europa.

Skandinavien ist zu teuer, Spanien bankrott, die Schweiz unbezahlbar. Blieb Deutschland.

Während wir das Internet durchkämmten, entwarf mein Vater Karten. Zuerst die Lage aller deutschen Kernkraftwerke samt Evakuierungsradius von 50 Kilometern. Als nächstes: Giftmülldeponien und atomare Endlager, die Befallsgebiete des Eichenprozessionsspinners, Pegida.

Um es kurz zu machen: Wir landeten an der Ostsee. Unglaublich, doch nun empirisch belegt: Mecklenburg ist der einzige bewohnbare Fleck auf dem Planeten – und zufällig auch nur eine halbe Stunde vom Haus meiner Eltern entfernt.

Natürlich hatten wir nicht genug Geld, aber davon erzähle ich morgen.

Die vergangenen drei Tage waren wir zu Besuch bei Freunden in Pirna. Räderdurchchecken, Seelebaumelnlassen – und Einschwingen auf unser zweites Land. Denn heute schlafen wir ein letztes Mal in Deutschland, unter einer großen Kastanie in Bad Schandau.

Weiter geht’s auf dem Elberadweg nach Pirna. Ist alles wie vorher? Nicht wirklich. Uns fehlt das sanfte Schaukeln des Elbkahns, das stille Vorübergleiten der Landschaft – und das tschechische Bier zum Frühstück. Ich glaube, ich habe mich verliebt. In die Elbe, in Deutschland und das Reisen auf See.

Während ich hier sitze und die Beine über die Reling baumeln, muss ich an Mark Twain denken. Was hatte er damals geschrieben?

„In zwanzig Jahren von heute wirst du eher von den Dingen enttäuscht sein, die du nicht getan hast, als von denen, die du getan hast. Hole den Anker ein und segle hinaus aus dem sicheren Hafen. Erforsche, träume, entdecke.“

Anker eingeholt, Mr. Twain!

Veranwortlich für den kleinen Schlenker des 150 m langen Elbkahns war übrigens Ludêk. Er lebt praktisch auf der Brücke – von Joghurt und Bier.

Joghurt, weil er gesund ist.

Bier, weil es genug Kalorien besitzt, um die Brücke nicht für Essen verlassen zu müssen.

18 Stunden pro Tag, von Sonnenauf- bis untergang, hält er zusammen mit Steuermann Thomas den Kurs. Einer lenkt, der andere leistet Gesellschaft: brüht Kaffee, dreht Zigaretten, verfolgt das Sonar. Erst mitternachts drosseln sie die Maschine, suchen eine geschützte Stelle und begießen den Tag.

Die Elbe ist nicht nur einer der 100 längsten Flüsse der Welt, sie ist auch einer der wenigen noch verbliebenen naturbelassenen Flüsse Europas.

1997 wurde diese Flusslandschaft aus Überschwemmungsflächen, Auenwäldern, Binnendünen und Altarmen von der UNESCO als Biosphärenreservat der Menscheit ausgewiesen. Und da die Natur keine Grenzen kennt, zieht sich das Schutzgebiet über 5 Bundesländer, von Schleswig-Holstein durch Niedersachsen, Mecklenburg und Brandenburg bis nach Sachsen-Anhalt.

Genau unsere Route!

Unsere Kabine ist nicht groß, vielleicht 5 Quadratmeter, aber wir haben unser eigenes Reich. Hier mitzufahren, so spüren wir schnell, ist ein Ding der Unmöglichkeit, zumal mit einem Baby. Doch Unai ist ein Sonntagskind, und ich war es auch, und schippern wir auf Slivovitz und tschechischem Bier die Elbe stromaufwärts nach Sachsen. Über einen der 100 längsten Flüsse der Welt, umrahmt von den größten zusammenhängenden Auenwäldern Mitteleuropas.

Am fünften Tag erreichen wir Wittenberge. Die Handelskontore und backsteinernen Kirchen der Stadt liegen am Ufer der Elbe im warmen Licht der Abendsonne. Boote schaukeln auf dem Wasser und die Grashalme im Wind. Ein paar Fischer hängen ihre Angeln in die seichte Strömung des größten ostdeutschen Flusses.

Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Dämmerung mit zwei schwerbepackten Rädern und einem Baby im Arm auf der Wittenberger Autobahnbrücke stehen und den Containerschiffen zuwinken, dass eines anhält.

Kein Scheiß. Wir beobachten eine leichte Kursänderung, hören ein Horn, und eine halbe Stunde später hieven drei Tschechen unsere übergewichtigen Räder an Bord.

Hatten wir auf der Jungfernfahrt noch bescheidene 19 Kilometer zurückgelegt, konnten wir uns bereits am zweiten Reisetag steigern!

21.

Am dritten Tag schaffen wir 39 Kilometer und am vierten 57.

Dabei kriegen wir einen ersten Einblick in die unbekannte Welt möglicher Malheure: Bei der Fahrt über Kopfsteinpflaster, beispielsweise, können sich Kinder auf die Lippen beißen und schier verbluten. Sie können spurlos verschwinden in einem der vielen Mecklenburger Getreidefelder. Und natürlich bekommen sie in den unpassendsten Momenten Lust auf Muttermilch.

Wie gesagt, wir sind auf dem Weg nach Spanien. Jennis Familie möchte endlich Unai kennenlernen. Für die einen ist es der Enkel, für andere der Neffe, doch niemand hat ihn je gesehen. Wir wohnen einfach zu weit weg.

Wäre da nicht Beltza, eine Hündin, deren Rassenzugehörigkeit sich irgendwo zwischen Fraggle und Alpaka einpendelt – herzig und knuffig, aber, wie es das Älterwerden beizeiten mit sich bringt, eigenwillig und verschroben. Es ist unmöglich mit ihr zu reisen! Egal, in welchem Transportmittel sie sitzt, ihr wird schlecht. Hoffentlich klappt es mit dem Fahrrad. Schön langsam, ohne scharfe Kurven. Viele Pausen, oft Wasser. Der Wind auf der Haut, die Sonne immer im Nacken.

Für alle Fälle haben wir ein Double dabei, extra angefertigt im Maßstab 1:5. Wir versuchen ihr damit Mut zu machen: „Schau her!“, sagen wir zu Beltza, wenn es holprig wird. „Die kotzt auch nicht.“

Como os hemos contado ayer, vamos de camino a Navarra. Mi familia quiere finalmente conocer a Unai. El nieto-sobrino-primo que nadie ha podido ver. Simplemente, vivimos demasiado lejos.

Si no fuese por nuestra perra – Cariñosa, tierna, calida, y sin embargo con el paso inevitable del tiempo más gruñona y señorona. Es que es imposible viajar con ella. Da igual con qué transporte. No funciona. Ojalá y con la bici sea diferente. Yendo despacio y evitando las curvas cerradas, no vaya a ser que se sienta mal.

Y para motivarla, tenemos a su copia especialmente creada a escala 1.5, la cual usamos como motivación en los baches, diciéndole: „Ves? Ella no pota!“

Und wohin? Nach Pamplona. Wir, das sind Jenni, Unai, Beltza und ich. Jenni ist meine Freundin, Unai unser Sohn, und von Beltza erzähle ich morgen.

Grober Kurs: Baskenland. Jennis Verwandten möchten Unai gern einmal sehen.

Kein Problem, wir kommen!

Elbe und Moldau hinauf in den Böhmerwald, durch Salzkammergut, Hohe Tauern und Dolomiten, entlang der Oberitalienischen Seen, durch Piemont und Provence, über die Cevennen und die Pyrenäen – ein Klacks!

 

Y adónde? Hasta Pamplona. Nosotros, somos André, Unai, Betza y yo. André es mi pareja, Unai  nuestro maravilloso hijo, y de Beltza os cuento mañana.

En grandes líneas: Mi familia tiene ganas de ver a Unai y de compartir tiempo con nosotros.

Pues bien. Allá vamos!

Los ríos Elba y Moldava hasta el bosque de Bohemia, cruzando el Salzkammergut, el Hohe Tauern y las Dolomitas, bordeando los lagos italianos, El Piamonte, La Provenza, Las Cevenas y Los Pirineos. Esto es pan comido!

Madre mía, quién me mandaría a mí?

Als wolle er uns zu Ruhe und Gelassenheit mahnen, macht Unai heute, am Tag aller Tage, am Tag, an dem das größte Abenteuer seines bisherigen Lebens beginnt, das längste aller möglichen Nickerchen, die Mutter aller Siestas.

Seit drei Stunden stehen deshalb unzählige Menschen mit Fahrrädern in der Hand und Sonnenhüten auf dem Kopf vor dem Kunterbunthof. Unser Dorf, Bäbelin, das sei erwähnt, hat nur 37 Einwohner. Aber die Hälfte von ihnen hat sich heute hier eingefunden, um uns singend und hupend die Allee hinunter auf die L10 zu geleiten.

Man bringt Gebäck, Jenni serviert Kaffee. Die ersten erneuern den Luftdruck ihrer Reifen. Eigentlich auch ganz schön: ein Abenteuer, das vor der Haustür beginnt, umweltverträglich, nachhaltig – und von dort auch nicht wegkommt.

Kommt es dann irgendwann aber doch, und wir erreichen am frühen Abend nach 19 Kilometern die spätgotische Dorfkirche zu Qualitz

Y así es. Unai ha decidido que el día más importante de su vida va a ser el de su siesta más larga. Nada que ver con ‚El Viaje de su vida‘. Eso es de mayores. Hoy mientras la mitad del pueblo está esperando en la puerta de casa para despedirnos, Unai se pega la siesta Madre.

Algo tenemos que hacer, mientras mis vecinos (os recuerdo que vivimos en un pueblo de 37 personas) esperan con sus bicis aparcadas delante de casa, sus sombreros de paja en la mano y mis nervios consumiéndome. Hago lo que se me da bien, pongo la cafetera al fuego y a echar humo. Revisamos de nuevo la presión de las ruedas, hacemos un repaso mental de lo que nos estamos olivdando.

Y tampoco ha sido para tanto, al final salimos con el sol suave de la tarde y llegamos a Qualitz, a menos de 20 km de casa. A mi me ha parecido larguísimo. Llegaremos a Pamplona?

Seit 20 Jahren bin ich auf allen Kontinenten unterwegs: Südamerika, Antarktis, Afrika, Asien, und es ging sogar in 80 Tagen um die Welt. Aufbrechen, Abschiednehmen, Wiederkommen – all das habe ich unzählige Male durchlebt.

Was am Anfang ein halbes Jahr dauerte – das Zusammenstellen der richtigen Ausrüstung, das Studieren der Vor- und Nachteile eines jeden Produkts, ja, das Wiegen und gegebenenfalls Frisieren eines jeden Gegenstands, um noch das letzte Gramm zu sparen – ist heute ein gezielter Griff nach dem Rucksack, dem richtigen Paar Schuhe und einer handvoll Kleidungsstücke.

Doch dieses Mal ist alles anders: Fünf, vielleicht sechs Monate werden wir unterwegs sein – und Jenni hat noch nie eine größere Reise unternommen. Auf dem längstmöglichen Weg wollen wir einmal durch Europa radeln – mit einem Baby, das in seinem Leben nicht mehr erkundet hat als den Garten hinter unserem Haus.

In zwei Tagen geht es los, gleich nach dem Mittagsschlaf.

10.00 Uhr: Wir verlassen Bäbelin für eine Probefahrt.

10.52 Uhr: Ankunft in Neukloster.

11.47 Uhr: Was alles reinpasst, in so ein Lastenfahrrad! 4 Bierbüchsen, 2 Milchkartons, 8 Äpfel, 1 Trinkflasche, diverse Spielzeugautos, Kekse und Windeln, 1 Fahrradschloss, Werkzeug und Ersatzschläuche (versteckt unter dem Sitz) – und ein Baguette für die Mama

12.28 Uhr: Bei Teplitz in den Straßengraben gefallen. Die Pumpe hatte sich in meinem Hosenbein verfangen.

Im Flur türmt sich das Gepäck, doch immer noch fehlen Sachen: Laufschuhe für den Hund, ein Kinderverdeck für Unai. Unsere Abfahrt haben wir deshalb um fünf Tage verschoben, auf den 6. Juni.

Alle Hoffnung liegt nun auf der DHL. Schon heute stand der Postbote mit einem Riesenpaket von Ortlieb in der Tür: Fahrradtaschen, Reisetaschen, Packsäcke in allen Farben und Größen. Beim Auspacken wurde mir warm ums Herz – und Erinnerungen an einen Herbsttag vor 14 Jahren stiegen in mir auf. In den Straßen von Hamburg hatte ich meinen alten Schulfreund Burkhard getroffen. In seiner Wohnung hingen damals zwei Plakate: ein großformatiger Frauenakt und eine Weltkarte. Wir starrten den ganzen Abend an die Wand, tranken Tee und sprachen viel, und gegen Mitternacht wurden diese zwei Plakate für uns die zwei Themen des Lebens: das Gewisse und das Ungewisse.

Binnen Wochen gaben wir unsere Jobs auf, hängten den Alltag an den Nagel und fuhren mit dem Fahrrad von Patagonien nach Alaska.

Die Satteltaschen von Ortlieb habe ich noch heute. Sie sind arg zerschunden. In Bolivien hatten wir sie mit schwarzer Farbe beschmiert und uns selbst die Kleidung zerschlissen, um heil durch den Bürgerkrieg zu kommen. Wir fuhren an die Barrikaden, stellten uns zu Bergarbeitern und Cocabauern an die brennenden Reifen und skandierten gemeinsam gegen den westlichen Imperialismus.

Nach dieser Reise wurde mein Leben ruhiger. Als Fotograf und Reisejournalist war ich weltweit unterwegs, und zunehmend wurden mir dabei die eigenen Füße das liebste Transportmittel. Doch nun trete ich wieder in die Pedalen – 14 Jahre nach Patagonien, 18 Monate nach der Geburt meines Sohnes. In fünf Tagen geht es los. Wenn die Laufschuhe für den Hund noch kommen.

In der Hamburger Fahrradmanufaktur Velo 54 bekommt unser Douze den letzten Schliff. Was für ein Rad! Am 12.12.2012 kam es mit einem Paukenschlag auf den Markt, und sein Erscheinungsdatum wurde namensgebend für den französischen Hersteller Douze Cycles (Douze = 12).

Das Besondere am Douze ist seine modulare Bauweise. Es ist mit einem stabilen Stahlrahmen am Heck sowie einer Alufront ausgestattet und kann in der Mitte per Schnellverschluss auseinandergebaut werden. Das Rad ist also teilbar und lässt sich für den Transport einfach zerlegen! Auch sonst steckt das Douze voller raffinierter Details: Eine Seilzug-Lenkung sorgt für agiles, spielfreies und sehr direktes Lenkverhalten. Dazu gibt es standardmäßig hydraulische Scheibenbremsen und als Antrieb – Rohloff sei Dank – eine Speedhub 500/14 Getriebenabe.

Das also ist nun unser Zuhause – Sportrad und Kinderwagen in einem – für die kommenden sechs Monate! Morgen wird’s ernst: Satteltaschen dran, Packsäcke, Trinkflaschen. Und dann bleibt nur eine Frage: Kann ich das Ding noch bewegen?